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Vor 33 Jahren starb Weltmeister Hartwig Steenken nach Autounfall PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Freitag, 07. Januar 2011 um 20:14

 

 

Wassenberg. Er war garantiert der wildeste Springreiter aller Zeiten und wahrscheinlich auch der ehrlichste, er, Hartwig Steenken. Am 10. Januar 1978 starb er, ein halbes Jahr lag er nach einem Autounfall im Koma. Er wurde nur 36 Jahre alt.

 

Seit genau 33 Jahren ist er nun schon tot, doch er ist in Erzählungen immer noch da. Über ihn wurde kein Buch geschrieben, er hätte es verdient gehabt, seine Eskapaden, seine Verrücktheiten, sein Fußball-Fimmel, seine Verletzungen und noch vieles anderes müssten gedruckt in jedem Regal der Pferdeleute stehen. Es sollte nicht sein. Der Pferdemann und Reiter Hartwig Steenken wurde nur 36 Jahre alt.

 

Man nannte ihn Cassius ...

 

Sein Leben war zu kurz, es endete am 10. Januar 1978. Die letzten sechs Monate lag der Weltmeister nach einem Autounfall im Koma, er war nicht mehr zu retten. Auf der Rückfahrt vom Fußball-Training mit seiner Hobbymannschaft prallte die schwere Limousine seines Freundes mit ihm auf dem Beifahrersitz in der Nacht zum 13.Juli 1977 gegen eine Mauer, Steenken erlitt einen Schädelbasisbruch, Riss der Hirnhaut, Kieferbruch und zog sich eine Schädigung des Sehnervs zu. Zu ihm nach Hause in Mellendorf unweit von Hannover, wo heute Madeleine Winter-Schulze ihre Heimat hat, wären es nur noch zehn Minuten gewesen.

 

Hartwig Steenken durchraste eine kometenhafte und gleichzeitig auch tollkühne Karriere bis ganz nach oben, manchmal geradezu abenteuerlich, jedenfalls ohne Beispiel. Innerhalb kürzester Zeit ritt der Bauernsohn aus Bowrede bei Hoya in die Spitze und sprengte die geschlossene nationale und internationale Reitergesellschaft. Weil er gerne posaunte, er werde noch der Beste, nannten sie ihn „Cassius“ in Anlehnung an den früheren Boxweltmeister Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte und bekanntlich das gleiche ständig behauptet hatte.

 

Championatsfeier auf lauter Glasscherben

 

1971 wurde Steenken in Aachen auf Simona Europameister, die Feier danach im Hotel „Eden“ war ebenfalls abenteuerlich wie die Unterkunft selbst. Barkeeper Hartwig Steenken. Nach jeder Runde fegte der Champion die Gläser einfach mit einer Armbewegung vom Tresen herunter und goss in neue Gläser ein, die Steenken-Schar stand am Ende nur noch auf Glassplittern. Ein Jahr nach Aachen in München holte er Olympia-Gold mit der Equipe, auch auf der Stute Simona, die mal dem späteren Bundestrainer Herbert Meyer gehörte. Der hatte sie zunächst an Alwin Schockemöhle verkauft. Schockemöhle gab sie aber zurück, weil ein Tierarzt Herzprobleme auszumachen glaubte. Vielleicht der größte Irrtum im Leben des Pferdemannes Alwin Schockemöhle. Steenken holte Simona dennoch in seinen Beritt.

 

 

Hartwig Steenken mit Lebenspartnerin Rosemaria Ebert und Berner Sennenhund "Berry Benz" zuhause in Mellendorf. Nach seinem Tod und der Stallauflösung war Rosemarie Ebert zurück in ihre Schweizer Heimat gezogen. Der Hund kam zwar in liebevolle Hände, fraß jedoch nicht mehr und lief immer wieder zurück nach Mellendorf. Er musste irgendwann eingeschläfert werden.

(Fotos aus "Champions" des Georges Veuthey-Verlages)

 

Der Niedersachse besaß keine Lobby und hatte keine Gönner, war auch nicht funktionärshörig. Das machte ihn hart, gegen sich, aber auch gegen andere. So sagte er seinem Freund Alwin Schockemöhle, der während des CSIO von Italien im Mai 1971 in Rom vor der EM in Aachen wegen eines gespaltenen Wirbels in ein Spital eingeliefert worden war, gar am Krankenbett ohne Rumdrucksen ins Gesicht: „Wenn Du krank bist, kannst du auch nicht für die Europameisterschaft nominiert werden.“ Steenken wurde bekanntlich Europameister. Ein Jahr danach gewann er auf Simona auch das Deutsche Derby in Hamburg.

Unter seiner Kommando wurde mal einem Bild-Journalisten in einer Pferdebox während des Turniers in Rotterdam die damals lange blonde Mähne gestutzt, weil er angeblich zu viel und ständig nur über Siege oder Platzierungen von Alwin Shcockemöhle berichtete...

 

In neun Jahren ganz oben

 

In nur neun Jahren war er ganz oben. Er ritt mit kaputten Sehnen und Bändern, mit Nägeln, Platten und Schrauben in den Knochen nach vielen Stürzen, er konnte oft kaum gehen, aber reiten. Er war durch und durch ein Wilder, besessen vom Erfolg. Sein Lieblingsspruch: „Lieber tot als Zweiter.“ So ritt er, so lebte er. Auf der Suche nach jungen, guten Pferden fuhr er ständig ruhelos durch die Lande. Ein mögliches Stechen um Olympisches Einzelgold in München-Riem versaute er sich selbst, weil er Simona fast phlegmatisch durch den Normalparcours steuerte, die Schreie der Zuschauer („Zeit, Zeit...“) nicht hörte, zwar ohne Abwurf blieb, aber wegen eines Dreiviertel-Zeitfehlerpunkts dann das Stechen von der Teilnehmertribüne aus begucken konnte. Im Stechen hätten wohl der spätere Sieger Graciano Mancinelli (Italien) auf Ambassador, die Zweite Ann Moore (Großbritannien) auf Psalm und der Amerikaner Neal Shapiro auf  Sloopy  keine Chance gehabt,  er wurde - wie auch der sportlich nach Österreich emigrierte Hugo Simon auf Lavendel - Vierter, was er fast gleichgültig abhakte. Steenken dachte nie an Verlorenes, immer an Kommendes.

Am Schlusstag der Spiele kam er auf Simona zusammen mit Gerd Wiltfang auf  Askan, Hans Günter Winkler auf  Torphy und Fritz Ligges auf Robin im nach wie vor einmaligen Stadion doch noch zu Gold mit lediglich einem Vorsprung von 0,25 Zeitfehlerpunkten vor den USA. Deren fast sichere Goldmedaille im Preis der Nationen fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser, als Mainspring unter William Steinkraus  in den Graben tapste. So blieb den Amis mit 32,25 Fehlerpunkten Silber, Bronze ging an Italien mit 48 Miesen.

 

Weltmeister nach Stechen 1974

 

 

Hartig Steenken und Simona im Stechen um den WM-Titel 1974 in Hickstead gegen Eddie Macken auf Pele

 

Am 21. Juli 1974 schlug dann endlich seine ganz große Stunde im englischen Hickstead. Auf der nun schon 16-jährigen Simona wurde er Weltmeister nach Stechen gegen den Iren Eddie Macken auf Pelé. Der Bauernsohn war dort, wo er sich längst selbst hingestellt hatte. Als Talisman hatte der leidenschaftliche Fußball-Fan in das Futter seiner Reitkappe ein farbiges Foto der deutschen Nationalmannschaft eingeklebt.. Die war genau zwei Wochen zuvor in München gegen die Niederlande ebenfalls Weltmeister geworden.

 

Auf Olympia 1976 in Montreal verzichtete er freiwillig, auf dem späteren Weltklassejumper Gladstone unter Hugo Simon war er bei der Olympia-Sichtung in Verden/ Aller mit 16 Fehlerpunkten zurück zur Lichtschranke gekommen, mit  Goya lief`s nicht besser. Und so sagte er unmittelbar danach zu den versammelten  Jiurnalisten, ohne lange bei den Offiziellen vorher nachzufragen:  „Kommt mal mit hinter die Tribüne, ich habe Euch etwas zu sagen.“ Und dann verkündete er: „Ich habe kein geeignetes Pferd. Wenn ich antrete, möchte ich gewinnen können, die Reise zu den Olympischen Spielen kann ich mir sparen. Vom nur dabei zu sein, davon habe ich nichts. Also verzichte ich freiwillig.“

 

Hochsprung-Weltrekordversuch abgebrochen

 

Alberto Larraguibel auf Huaso am 5. Februar 1949 in Vina del Mar/ Chile:

2,47 m Hochsprung-Weltrekord - bis heute ungebrochen

(Foto: Max Ammann in The FEI Championships)

 

Wenig später jedoch versuchte er, den Hochsprung-Weltrekord zu Pferde zu brechen. Die Bestleistung stand seit dem 5. Februar 1949 durch den chilenischen Capitano Alberto Larraguibel auf dem eigens trainierten Vollblüter Huaso auf  2,47 m. Auf  dem sprunggewaltigen Wallach Goya wollte er den Weltrekord verbessern. Dazu holte er aus Warendorf das spezielle Gestell, eine Triplebarre. Der Versuch scheiterte, irgendwann ging der Wallach auch nicht mehr in die Nähe des Ungetüms. Der Weltrekord steht immer noch auf 2,47 m.

 

Er hatte auch andere Sondergewohnheiten. Die Boxen waren beispielsweise relativ klein, „damit sich die Pferde nicht wälzen können, so legen sie sich auch nicht fest“, sagte er mal. Auch Simona bekam keine Extra-Box.

 

Deutschlands erster Springreiter-Profi

 

Am 1. Juli 1977 unterschrieb er als erster deutscher Springreiter einen Profivertrag bei einem italienischen Getränkehersteller (Campari). „Lieber ein ehrlicher Berufssportler als ein unehrlicher Amateur“, sagte er damals, da Olympia den Profis noch versperrt war. Und weil auch den Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Nennen von Firmennamen damals noch untersagt war, wollte Steenken seine in Frage kommenden Pferde in "Campari eins", "Campari zwei" und "Campari drei" umbenennen.

 

Der Zweijahres-Kontrakt kam nie zum Tragen. Elf Tage nach der Vertragsunterzeichnung endete das Leben des Jahrhundertreiters mit 45 Nationen-Preisen für Deutschland vorzeitig an einer Mauer.

 

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