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Dressur-Revolutionär Dr. Uwe Schulten-Baumer 85 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Donnerstag, 13. Januar 2011 um 16:36

 

 


Rheinberg. An diesem Freitag, 14. Januar 2011, wurde Reitmeister Dr. Uwe Schulten-Baumer 85 Jahre alt. Die Reiterei war für den Championsmacher vor allem immer Passion, nicht Beruf, wohl deshalb hat er die Dressur revolutioniert.

 

Er war immer anders als andere, aber er wird für immer ein fester Begriff in der Dressur bleiben. Er wurde nicht gemacht, er machte sich selbst. Er, Dr. Uwe Schulten-Baumer. An diesem Freitag wurde er 85 Jahre alt. Er feierte nicht. Gründe wiegelt er ab. Redselig war ja nie. Und man sollte ihn auch nicht in die Enge treiben.

 

Der frühere große Pferdemann Dr. Gerd Lehmann (76) schrieb ihm in einem Brief („der mir teilweise runterging wie Öl“) unter anderem, er habe sich verschiedener  unterschiedlicher Pferde angenommen, „denen andere nicht gewachsen waren“. Und weiter heißt es in dem Schreiben des früheren und nach wie vor geschätzten Landstallmeisters: „Mit Nicole Uphoff und Rembrandt haben Sie Maßstäbe gesetzt.“ Er habe einer anderen Reitweise zum Durchbruch verholfen und Neugier auf diese Sportart geweckt. Dr. Uwe Schulten-Baumer hat mit einem Wort die Dressur revolutioniert.

 

Grüne Ampeln – alles wird gut...

 

Abergläubisch war er immer. Und wenn er früher zum Turnier fuhr und die Ampeln standen jeweils auf „rot“, dann wäre er am liebsten umgekehrt. Doch an jenem 23. Mai 1987 in Lausanne hatte er ständig freie Fahrt bis zum Turnierplatz, „da konnte nichts mehr schief gehen.“ Es war der Tag, dass Nicole Uphoff erstmals und auch endgültig mit dem sensiblen Wallach Rembrandt die Dressurwelt erstaunte und verblüffte. So dass die Schweizer Olympiasiegerin und frühere Weltmeisterin Christine Stückelberger geradezu ungläubig fragte. „Wer ist die denn?“ Lausanne, Nicole Uphoff, Rembrandt – Dr. Uwe Schulten-Baumer war dort endgültig angekommen, wo ihn längst die Branche stehen sah.

 

Rembrandt musste sich erstmals strecken

 

Er gilt als Erfinder der sogenannten „Rollkur“ in Zusammenhang mit der Ausbildung des königlichen Wallachs Rembrandt. Er sagt: „Ich habe Rembrandt die Angst genommen, ihn zum Schwingen gebracht. Der Wallach musste sich erst einmal strecken lernen, er hatte ja zunächst immer nur den Kopf ganz oben.“ Auf Rembrandt hatten sich vorher bereits Reitmeister Fritz Tempelmann und auch ein Klaus Balkenhol vergebens versucht.

 

Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, überreicht vom damaligen NRW-Bundesinnenminister Dr. Ingo Wolf während des CHIO von Deutschland in Aachen 2009

(Fotos: U. Ludwig)

 

Uwe Schulten-Baumer hat sich alles selbst erarbeitet. Landwirtssohn aus Mülheim, gelernter Kaufmann, Abitur nachgeholt, Volkswirtschaft studiert und promoviert mit der Arbeit „Verlauf der Kostenkurve der Zementindustrie“, später im geschäftsführenden Vorstand des Roheisenverbandes, ganz oben. Und auch im Sport hat er alles erreicht, mit Fleiß, Hirn, dass der zweimalige Springreiter-Olympiasieger und größte Horseman Deutschlands, Alwin Schockemöhle, über ihn sagt: „Uwe Schulten-Baumer, der spielte immer in seiner eigenen Liga. Auch heute noch. Ich kenne keinen, der dem das Wasser reichen könnte.“

 

Blanko-Scheck abgelehnt...

 

Der Doktor, wie ihn alle Welt nennt,  ist nicht unbedingt ein geselliger Typ, er hasst Menschenmengen, Enge. Echte Freundschaft ist für ihn ziemlich unumstößlich, doch Freunde hat er nur wenige. Er legte auch keinen großen Wert darauf. Er betet die Selbständigkeit an. Vor Jahren fragte ihn ein damals mehr als wohlhabender Unternehmer, ob er nicht seinen Sohn trainieren wolle, und als Entree legte er zur Frage einen Blankoscheck dazu mit dem Hinweis, Schulten-Baumer solle ruhig einen Betrag nach seinem Gusto eintragen. Schulten-Baumer lehnte ab.

 

Wirklich glücklich - bei den Pferden...

(Foto: Jacques Toffi)

 

Der Reitmeister, zweimal schon Trainer des Jahres, sieht Pferde anders als andere, er blickt in sie hinein, er erkennt meist früher als andere das anstehende Potential, natürlich hat er sich schon vertan. Als Beispiel für sein Gespür für Champions stehen neben vielen Gigolo und Satchmo. Gigolo, das erfolgreichste Dressurpferd der Welt, kaufte er seinem Sohn Uwe ab, Satchmo erwarb er 1996 zweieinhalbjährig auf dem Hengstmark in Verden für 85.000 Mark. Bei einem solchen Preis für ein derart junges Pferd  gehört mehr als Mut und Hasardspiel dazu, oder ganz simpel: Überzeugung. Auf Gigolo wurde Isabell Werth die Dressurkönigin, Satchmo festigte den Thron von Isabell Werth. Isabell Werth und er, das war wie eine Ehe, sie zerbrach. Das hat er nie überwunden.

 

Nicht nach Abstimmung – nicht nach Farbe

 

Der Doktor geht nicht nach Abstammung und nicht nach Farbe, er versucht, das Pferd immer als Ganzes zu sehen. Und er kauft vorwiegend auf Auktionen, „weil dort die Pferde so vorgestellt werden, um alles zu zeigen, was in ihnen steckt.“ „Losgelassenheit, Zufriedenheit, Aufmerksamkeit und Freude – das sind die Geheimnisse zum Erfolg“, sagt er, und: „Man muss immer mit – nie gegen das Pferd arbeiten“, so sein Credo, „das Pferd muss über den Rücken schwingen.“ Und er behauptet, Pferde seien wie Menschen genauso stressanfällig, „daher müssen sie auch seelisch locker werden.“ Das Pferd müsse verstehen, „was der Reiter will, erst dadurch wird eine Verständigung ermöglicht.“

 

Keiner hat mehr Pferde in den großen Sport gebracht als er, der in den Neuanfängen des CHIO von Deutschland als Springreiter in den Parcours in der Aachener Soers einritt, „und dabei flogen manchmal auch die Stangen ganz schön durch die Gegend“, wie sich Inge Theodorescu, Mutter von Olympiasiegerin Monica, erinnerte,  „meist war es so: Entweder das Holz brach – oder er gewann auf  seiner Stute Senta.“

 

„Blick und Gefühl für Potenzial“

 

Als Coach brachte er seine Tochter Alexa heraus, seinen Sohn Uwe, Chefarzt im niederbayerischen Eggenfelden, der deutscher Meister, Vizeweltmeister, Europameister war, er unterrichtete die französische Olympia-Zweite Margit Otto Crepin („niemand macht sich so viele Gedanken über die Ausbildung wie er“), Nicole Uphoff und danach Isabell Werth aus der Nachbarschaft. Die spätere Juristin vollendete sein Lebenswerk 1996 in Atlanta, als sie auf dem Fuchs Gigolo nach Teamgold auch noch den Olympiasieg in der Einzelwertung errang. Seine Meisterschülerin sollte Ellen, 31, werden, die Tochter seiner zweiten Ehefrau Eva. Die Verständigung klappt nicht mehr.

 

Dr. Uwe Schulten-Baumer, jun. hier auf Slibovitz, zwischen 1879 und 1985 einer der erfolgreichsten Dressurreiter der Welt, Europameister 1981 auf Madras Einzel und Team, Mannschafts-Europameister 1983 und 1985 jeweils auf Madras, 1978 Team-Weltmeister und Einzel-Vizeweltmeister auf Slibovitz, Team-Weltmeister 1982 auf Madras, 1980 beim Ersatz-Olympia in Goodwood auf Slibowitz Mannschaftsgewinner und Einzel-Zweiter.

(Foto: Werner Ernst)

 

Sohn Uwe Schulten-Baumer (57), dem 1978 in Goodwood und zwei Jahre später ebenfalls vor Schloss Goodwood House in England jeweils auf Slibovitz um einen einzigen Punkt erst die Weltmeisterschaft und danach der Erfolg beim Ersatz-Olympia für Moskau 1980 versagt blieb, sagt über seinen Vater: „Er hat das Gefühl für das Potenzial eines Pferdes, den entscheidenden Blick, und er kann jedes Pferd entsprechend seiner Begabung einstellen und trainieren. Vor allem: Reiten war nicht sein Beruf, sondern Passion. Er musste sich also nicht für Kunden verbiegen.“

 

Passgänger – ungeeignet für Dressur

 

Dr. Uwe Schulten-Baumer, der kaum noch auf Turniere fährt („weil ich auch keinen mehr treffe, mit dem ich mich unterhalten kann“), gesundheitlich auch nicht mehr der fiteste ist,  sagt: „Pferde, die im Schritt Pass gehen, sind für Dressurwettbewerbe nicht geeignet.“ Oder: „Das Spitzenpferd einer Auktion ist sicherlich nicht für jeden Reiter und jeden Zweck auch das ideale Pferd.“

 

Beruf war der Gelderwerb, Pferde blieben sein Leben. Er ärgert sich über den inzwischen fast von jedermann vereinnahmten Begriff der Klassischen Reitlehre,  „denn keiner kann mir genau erklären, was es mit der absoluten klassischen Reitkunst auf sich hat. Was vor 50 Jahren als klassisch galt, hat heute keinen Bestand mehr. Wie überall im Leben hat sich auch das Reiten weiterentwickelt.“ Und er sagt: „Wissen in diesem Sport genügt nicht, es gehört auch blinde Passion dazu...“