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Hartwig Steenken wäre 70 Jahre alt geworden... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Freitag, 22. Juli 2011 um 17:03

 

Heiligenloh. Die ersten Blumen liegen bereits an seinem Grab in Heiligenloh, hingelegt von seiner Schwägerin, einen Tag vor seinem Geburtstag. An diesem Samstag wäre der große Springreiter Hartwig Steenken 70 geworden – er wurde nur 36 Jahre alt. Doch vergessen ist er nicht.

 

Seit über 33 Jahren ist er nun schon tot, doch er ist in Erzählungen weiter da, als wäre er nie weg gewesen. Sein Schwager Lüder Steenken sagt: „Ist unglaublich, dass nach einer so langen Zeit immer noch die Menschen kommen und von Hartwig reden.“ Lüder Steenken bewirtschaftet den Hof in Borwede, wo Hartwig Steenken auf die Welt kam, als Jüngster von fünf Jungen. Nur noch Berthold lebt von ihnen. Hartwig Steenken wurde Springreiter, unterstützt von seinem Vater, der immer schon mit Pferden gehandelt hatte. Die Brüder hatten mit dem Reitsport wenig im Sinn. Über Hartwig Steenken wurde kein Buch geschrieben, er hätte es verdient gehabt, er war etwas Besonderes, nicht nur wegen seiner Fußball-Verrücktheit oder der vielen Verletzungen wegen. Wenn er ein Pferd sah, von dem er meinte, das könnte was Großes werden, setzte er sich spontan auch im Anzug darauf, ohne Sattel, und sprang einige Hindernisse. Und das war nicht nur einmal der Fall.

 

Man nannte ihn Cassius ...

 

Sein Leben war kurz, es endete am 10. Januar 1978. Die letzten sechs Monate lag der Weltmeister nach einem Autounfall im Koma, er war nicht mehr zu retten. Auf der Rückfahrt vom Fußball-Training mit seiner Hobbymannschaft prallte die schwere Limousine seines Freundes mit ihm auf dem Beifahrersitz in der Nacht zum 13.Juli 1977 gegen eine Mauer, Steenken erlitt einen Schädelbasisbruch, Riss der Hirnhaut, Kieferbruch und zog sich eine Schädigung des Sehnervs zu. Zu ihm nach Hause in Mellendorf unweit von Hannover, wo heute Madeleine Winter-Schulze ihr Zuhause hat, wären es nur noch zehn Minuten gewesen.

 

Hartwig Steenken durchraste eine kometenhafte und gleichzeitig auch tollkühne Karriere bis ganz nach oben, manchmal geradezu abenteuerlich, jedenfalls ohne Beispiel. Innerhalb kürzester Zeit ritt der Bauernsohn aus Borwede in die Spitze und sprengte die geschlossene nationale und internationale Reitergesellschaft. Weil er gerne posaunte, er werde noch der Beste, nannten sie ihn „Cassius“ in Anlehnung an den früheren Boxweltmeister Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte und bekanntlich das gleiche ständig behauptet hatte – und es auch geworden war, wie Hartwig Steenken.

 

Championatsfeier auf lauter Glasscherben

 

1971 wurde Steenken in Aachen auf Simona Europameister, die Feier danach im Hotel „Eden“ war ebenfalls abenteuerlich wie die Unterkunft selbst. Als Barkeeper an jenem Abend arbeitete der Champ persönlich, Hartwig Steenken. Nach jeder Runde fegte der Europameister die Gläser einfach mit einer Armbewegung vom Tresen herunter und goss in neue ein, dann folgte der Ruf: „Prost!“ Dann hörte man nur noch Glas splittern... Die Steenken-Schar stand am Ende nur noch auf Scherben bis über die Knöchel. Ein Jahr nach Aachen in München mit der Equipe holte er Olympia-Gold, auch auf der Stute Simona, die mal dem späteren Bundestrainer Herbert Meyer gehörte. Der hatte sie zunächst an Alwin Schockemöhle verkauft. Schockemöhle gab sie aber zurück, weil ein Tierarzt Herzprobleme auszumachen glaubte. Vielleicht der größte Irrtum im Leben des Pferdemannes Alwin Schockemöhle. Steenken holte Simona dennoch in seinen Beritt.

 

Der Niedersachse besaß keine Lobby und hatte keine Gönner, war auch nicht funktionärshörig. Das machte ihn hart, gegen sich, aber auch gegen andere. So sagte er seinem Freund Alwin Schockemöhle, der während des CSIO von Italien im Mai 1971 in Rom vor der EM in Aachen wegen eines gespaltenen Wirbels in ein Spital eingeliefert worden war, im Krankenzimmer:  „Wenn Du krank bist, kannst du auch nicht für die Europameisterschaft nominiert werden.“ Steenken holte bekanntlich den Titel. Ein Jahr danach gewann er auf Simona auch das Deutsche Derby in Hamburg.

 

In neun Jahren ganz oben

 

In nur neun Jahren war er ganz oben. Er ritt mit kaputten Sehnen und Bändern, mit Nägeln, Platten und Schrauben in den Knochen, er konnte oft kaum gehen, aber reiten. Er war durch und durch ein Wilder, besessen vom Erfolg. Sein Lieblingsspruch: „Lieber tot als Zweiter.“ So ritt er, so lebte er. Auf der Suche nach jungen, guten Pferden fuhr er ständig ruhelos durch die Lande. Ein mögliches Stechen um Olympisches Einzelgold in München-Riem versaute er sich selbst, weil er Simona fast wie im Training durch den Normalparcours steuerte. Die Schreie der teilweise entsetzten Zuschauer („Zeit, Zeit...“) hörte er nicht, er blieb ohne Abwurf, aber wegen eines Dreiviertel-Zeitfehlerpunkts verpasste er das Stechen um die Medaillen. In der Entscheidung hätten wohl der spätere Sieger Graciano Mancinelli (Italien) auf Ambassador, die Zweite Ann Moore (Großbritannien) auf Psalm und der Amerikaner Neal Shapiro auf  Sloopy  keine Chance gehabt,  Steenken wurde - wie auch der sportlich nach Österreich emigrierte Hugo Simon auf Lavendel – Vierter. Das alles hakte Hartwig Steenken fast wie nebenbei ab. Er dachte nie an Verlorenes, immer an Kommendes.

 

Am Schlusstag der Spiele kam er auf Simona zusammen mit Gerd Wiltfang auf  Askan, Hans Günter Winkler auf  Torphy und Fritz Ligges auf Robin – von dem Quartett lebt nur noch HG Winkler (85) -  im nach wie vor einmaligen Stadion doch noch zu Gold mit lediglich einem Vorsprung von 0,25 Zeitfehlerpunkten vor den USA. Deren fast sichere Goldmedaille im Preis der Nationen fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser, als Mainspring unter William Steinkraus  in den Graben tapste. So blieb den Amis mit 32,25 Fehlerpunkten Silber, Bronze ging an Italien mit 48 Fehlerpunkten.

 

Weltmeister nach Stechen 1974

 

Hartwig Steenken auf Simona - Flug zum Triumph in Hickstead 1974

 

Am 21. Juli 1974 schlug dann endlich seine ganz große Stunde im englischen Hickstead. Auf der nun schon 16-jährigen Simona wurde er Weltmeister nach Stechen gegen den Iren Eddie Macken auf Pelé. Der Bauernjunge aus dem malerischen nur 250-Seelendorf Borwede war dort, wo er sich längst selbst hingestellt hatte. Als Talisman hatte der leidenschaftliche Fußball-Fan in das Futter seiner Reitkappe ein farbiges Foto der deutschen Nationalmannschaft eingeklebt.. Die war genau zwei Wochen zuvor in München gegen die Niederlande ebenfalls Weltmeister geworden.

 

Auf Olympia 1976 in Montreal verzichtete er freiwillig, auf dem späteren Weltklassejumper Gladstone unter Hugo Simon war er bei der Olympia-Sichtung in Verden/ Aller mit 16 Fehlerpunkten zurück zur Lichtschranke gekommen, mit  Goya lief`s nicht besser. Und so sagte er unmittelbar danach zu den versammelten  Journalisten, ohne lange bei den Offiziellen vorher nachzufragen:  „Kommt mal mit hinter die Tribüne, ich habe Euch etwas zu sagen.“ Und dann verkündete er: „Ich habe kein geeignetes Pferd. Wenn ich antrete, möchte ich gewinnen können, die Reise zu den Olympischen Spielen kann ich mir sparen. Vom nur dabei zu sein, davon habe ich nichts. Also verzichte ich freiwillig.“

 

Hochsprung-Weltrekordversuch abgebrochen

 

Wenig später jedoch versuchte er, den Hochsprung-Weltrekord zu Pferde zu brechen. Die Bestleistung stand seit dem 5. Februar 1949 durch den chilenischen Capitano Alberto Larraguibel auf dem eigens trainierten Vollblüter Huaso auf  2,47 m. Auf  dem sprunggewaltigen Wallach Goya wollte er den Weltrekord verbessern. Dazu holte er aus Warendorf das spezielle Gestell, eine Triplebarre. Der Versuch scheiterte, irgendwann ging der Wallach auch nicht mehr in die Nähe des Ungetüms. Der Weltrekord steht immer noch auf 2,47 m.

 

Er hatte auch andere Sondergewohnheiten. Die Boxen seiner Pferde waren beispielsweise relativ klein, „damit sich die Pferde nicht wälzen können, so legen sie sich auch nicht fest“, sagte er mal. Auch Simona bekam keine Extra-Box.

 

Deutschlands erster Springreiter-Profi

 

Am 1. Juli 1977 unterschrieb er als erster deutscher Springreiter einen Profivertrag bei einem italienischen Getränkehersteller (Campari). „Lieber ein ehrlicher Berufssportler als ein unehrlicher Amateur“, sagte er damals, da Olympia den Profis noch versperrt war. Und weil auch den Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Nennen von Firmennamen damals noch untersagt war, wollte Steenken seine in Frage kommenden Pferde in Campari eins, Campari zwei und Campari drei umbenennen.

 

Der Zweijahres-Kontrakt kam nie zum Tragen, elf Tage nach der Vertragsunterzeichnung endete das Leben des Jahrhundertreiters mit 45 Nationen-Preisen für Deutschland vorzeitig an einer Mauer.

 

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