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Hitzeperioden zwingen auch Reitsport zum Umdenken PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Viktoria Auracher   
Freitag, 03. Juli 2026 um 12:22

Stuttgart. Die zunehmenden Hitzeperioden stellen den Turniersport vor eine Frage, die nicht mehr allein situativ beantwortet werden kann. R-haltenswert hat deshalb ein Positionspapier zum Thema Turnierstarts bei Hitze erarbeitet. Es geht darin nicht um pauschale Kritik an Reiterinnen und Reitern, Veranstaltern oder Offiziellen. Es geht um die Frage, wie der Turniersport auf veränderte klimatische Bedingungen professionell, fair und praxistauglich reagieren kann.

Aus unserer Sicht braucht es dafür mehr als Einzelfallentscheidungen vor Ort. Notwendig sind verbindliche Schutzkriterien, klare Entscheidungswege, wirtschaftliche Absicherung für Veranstalter und konkrete Mindeststandards für Schatten, Wasser, Kühlung, Startzeiten, Transport, Unterbringung, Kommunikation und den Schutz aller Beteiligten.

Ein zentraler Punkt ist dabei: Wer möchte, dass Veranstalter im Sinne des Pferdewohls verantwortungsvoll handeln und im Zweifel Prüfungen verschieben, verkürzen oder absagen, darf sie mit den wirtschaftlichen Folgen nicht allein lassen. Pferdewohl muss praktisch umsetzbar sein.
Dazu gehören auch rechtssichere Hitzeschutz-Klauseln, faire Regelungen zu Nenngeldern und die Prüfung eines Hitzeschutz-Fonds auf Verbandsebene.

Das Positionspapier schlägt außerdem vor, die Entwicklung über drei Jahre systematisch zu erfassen:
Welche Turniere sind betroffen?
Welche Regionen und Monate sind besonders belastet?
Welche Maßnahmen funktionieren? Und muss der Turnierkalender langfristig neu ausgerichtet werden, insbesondere mit Blick auf Juli und August?

Unser Ziel ist eine sachliche Debatte, die Pferdewohl, Sport, Veranstalterrealität und Planungssicherheit zusammenbringt.

Das vollständige Positionspapier finden Sie im Anhang. Wir würden uns freuen, wenn Sie es lesen, einordnen und gerne auch weiter in Ihre fachlichen Netzwerke tragen.

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The increasing periods of heat are confronting equestrian sport with a question that can no longer be answered solely on a case-by-case basis.R-haltenswert has therefore prepared a position paper on the subject of competition starts in hot weather.

It is not about sweeping criticism of riders, organisers or officials. It is about the question of how equestrian sport can respond to changing climatic conditions in a professional, fair and practical way.

In our view, this requires more than individual decisions on site. What is needed are binding protection criteria, clear decision-making processes, economic safeguards for organisers and concrete minimum standards for shade, water, cooling, start times, transport, stabling, communication
and the protection of everyone involved.

One central point is this: anyone who wants organisers to act responsibly in the interest of equine welfare and, where necessary, to postpone, shorten or cancel classes must not leave them alone with
the economic consequences.

Equine welfare must be practically achievable.

This also includes legally sound heat protection clauses, fair regulations regarding entry fees and the
examination of a heat protection fund at federation level.

The position paper also proposes systematically recording developments over a three-year period:

Which competitions are affected?

Which regions and months are particularly impacted?

Which measures are effective?

And does the competition calendar need to be reconsidered in the long term, particularly with regard to July and August?

Our aim is to encourage a factual debate that brings together equine welfare, sport, the realities faced by organisers and planning security.

You will find the full position paper attached. We would be pleased if you read it, consider it and also share it within your professional networks.

                                ************************************ 

Positionspapier über Vorschläge 

Positionspapier: Turnierstarts bei Hitze – Verantwortung,
Planungssicherheit und Pferdewohl zusammendenken

Der Turniersport steht vor einer Entwicklung, die nicht mehr als Ausnahme betrachtet werden kann: Hitzeperioden nehmen zu, Wetterlagen werden schwerer planbar, und Veranstaltungen finden häufiger unter Bedingungen statt, die Pferde, Reiterinnen und Reiter, Offizielle, Helfer und Veranstalter erheblich belasten können.
Diese Entwicklung verlangt keine Symboldebatte. Sie verlangt eine sachliche,
vorausschauende und praxistaugliche Antwort. R-haltenswert spricht sich deshalb dafür aus, Turnierstarts bei Hitze künftig verbindlicher, transparenter und systemischer zu regeln. Nicht mit pauschalen Vorwürfen. Nicht mit
nachträglicher Empörung. Sondern mit klaren Kriterien, geregelten Entscheidungswegen, wirtschaftlicher Absicherung und gemeinsamer Verantwortung.

  1. Hitze muss fachlich bewertet werden
    Hitze ist für Pferde kein bloßes Unbehagen. Sie kann zu einer erheblichen körperlichen Belastung werden, besonders wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: hohe Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, direkte Sonneneinstrahlung, lange Transportwege, Wartezeiten, Abreiten, aufgeheizte Böden, fehlender Schatten, sportliche Anforderung und unzureichende Erholungsmöglichkeiten.
    Dabei ist nicht jede Veranstaltung bei sommerlichen Temperaturen automatisch problematisch. Ein Start am frühen Morgen unter guten Bedingungen ist anders zu bewerten als eine Prüfung in der Mittagshitze auf einem aufgeheizten Platz ohne ausreichende Infrastruktur. 
  2. Die zentrale Frage darf deshalb nicht lauten:
    „Ist ein Start formal noch erlaubt?“
    Die zentrale Frage muss lauten:
    „Ist ein Start für dieses Pferd, an diesem Ort, zu dieser Uhrzeit und unter diesen konkreten Bedingungen vertretbar?“
    Nationale Verbände müssen verbindliche Hitzeschutz-Kriterien schaffen
    Die nationalen Verbände sollten verbindliche Kriterien entwickeln, ab wann Turniere angepasst, unterbrochen, verschoben oder abgesagt werden müssen.
    Dabei sollte nicht allein ein fixer Temperaturwert maßgeblich sein. Die reine Lufttemperatur bildet die tatsächliche Belastung häufig nur unzureichend ab. Erforderlich ist ein praxistaugliches Bewertungssystem, das mehrere Faktoren berücksichtigt:
    Temperatur, Luftfeuchtigkeit, direkte Sonneneinstrahlung, Tageszeit, Wind, Bodenbeschaffenheit, Schattenmöglichkeiten, Transport- und Wartezeiten, Prüfungsdauer, Prüfungsart, Abreitebedingungen und vorhandene Abkühlmöglichkeiten. Als fachliche Grundlage sollten Temperatur- und Luftfeuchtigkeitskorridore sowie anerkannte
    Belastungsindizes geprüft werden, etwa der Heat-Index oder die
    Wet-Bulb-Globe-Temperature. Entscheidend ist ein System, das in der Praxis handhabbar ist und zugleich fachlich tragfähig
    bleibt.
  3. Hitzeschutz braucht operative Mindeststandards
    Ein wirksames Hitzeschutz-Konzept darf sich nicht auf allgemeine Empfehlungen beschränken. Es muss für Veranstalter, Reiterinnen und Reiter, Tierärzte, Richter, Offizielle und Helfer praktisch anwendbar sein. 
  4. Aus Sicht von R-haltenswert sollten dazu insbesondere gehören:
    ● verpflichtende Schatten-, Wasser- und Kühlkonzepte für Pferde;
    ● angepasste Startzeiten, insbesondere Verlegungen in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden;
    ● verbindliche Mittagspausen bei kritischer Hitzebelastung;
    ● strukturierte und gegebenenfalls begrenzte Abreitezeiten;
    ● pferdeschonende Siegerehrungen;
    ● Empfehlungen für Transport, Anreisezeiten, Wartezeiten, Stallzelte, Belüftung und Unterbringung;
    ● ein Schutzkonzept für Helferinnen und Helfer, Ehrenamtliche, Richter, Offizielle, Parcoursdienste, Sanitätsdienste und weiteres Veranstaltungspersonal;
    ● ein Kommunikationsleitfaden für Veranstalter, damit Anpassungen, Verschiebungen oder Absagen frühzeitig, transparent und einheitlich kommuniziert werden können.
    Pferdewohl endet nicht im Prüfungsviereck und nicht am letzten Sprung. Es betrifft die gesamte Veranstaltung: Anreise, Unterbringung, Vorbereitung, Start, Wartezeiten, Abkühlung
    und Heimreise.
    Entscheidungswege müssen vorab klar geregelt sein
    Bei kritischer Hitze darf nicht erst vor Ort improvisiert werden.
    Vor Beginn einer Veranstaltung muss feststehen, wer auf welcher Grundlage entscheiden darf, ob eine Prüfung verschoben, verkürzt, unterbrochen oder abgesagt wird.
    Tierärzte, Richter und Offizielle brauchen klare ntscheidungsgrundlagen und Rückendeckung. Wer eine Prüfung aus Gründen des Pferdewohls unterbricht oder absagt, darf nicht als Störfaktor gelten. Diese Person erfüllt ihre Aufgabe. Klare Entscheidungswege schützen nicht nur die Pferde. Sie entlasten auch Reiter, Veranstalter und Offizielle, weil Verantwortung nicht nachträglich auf Einzelne abgewälzt wird.
  5. Reiterinnen und Reiter brauchen Planungssicherheit
    Viele Reiterinnen und Reiter investieren erhebliche Zeit, Geld und Organisation in Turnierstarts. Sie nehmen Urlaub, planen Transporte, bereiten Pferde vor, organisieren Helfer und tragen Verantwortung gegenüber Besitzern, Sponsoren oder Betrieben.
    Gerade deshalb brauchen sie klare Regeln. Bei Hitze geraten Reiter häufig in eine schwierige Lage: Starten sie, werden sie kritisiert.
    Starten sie nicht, entstehen Kosten, sportliche Nachteile oder Rechtfertigungsdruck. Ein Nicht-Start oder Abbruch bei Hitze darf im Sport nicht als Schwäche gelten. Er kann Ausdruck verantwortungsvoller Reiterei sein.
    Gute Reiterei zeigt sich nicht daran, dass man unter allen Umständen startet. Sie zeigt sich daran, dass man erkennt, wann ein Start nicht mehr im Sinne des Pferdes ist.
  6. Veranstalter dürfen mit dieser Verantwortung nicht allein bleiben
    Viele Turnierveranstalter arbeiten wirtschaftlich am Limit. Vereine und regionale Veranstalter tragen erhebliche Kosten, bevor der erste Start erfolgt: Richter, Tierärzte, Sanitätsdienst, Technik, Bodenpflege, Infrastruktur, Helfer, Preise, Genehmigungen und Versorgung müssen
    organisiert und bezahlt werden.
    Wenn ein Turnier aufgrund verbindlicher Hitzeschutz-Regeln abgesagt oder stark eingeschränkt werden muss, darf der Veranstalter dadurch nicht zum wirtschaftlichen Verlierer werden.
    R-haltenswert spricht sich deshalb für rechtssichere Hitzeschutz-Klauseln in Ausschreibungen aus. Wird ein Turnier oder eine Prüfung aufgrund offizieller Hitzeschutz-Kriterien abgesagt, sollte klar geregelt sein, in welchem Umfang Nenngelder erstattet werden oder einbehalten werden dürfen.
    Dabei geht es nicht darum, Teilnehmerinnen und Teilnehmer unangemessen zu belasten. Es geht darum, faire und transparente Regeln zu schaffen, bevor der Ernstfall eintritt.
    Wer möchte, dass Veranstalter im Sinne des Pferdewohls absagen, muss verhindern, dass sie durch diese Entscheidung wirtschaftlich bestraft werden.
  7. Ein Hitzeschutz-Fonds sollte geprüft werden
    Zusätzlich sollte auf Ebene des nationalen Verbandes ein zweckgebundener Hitzeschutz-Fonds geprüft werden.
    Aus diesem Fonds könnten Veranstalter unterstützt werden, wenn Turniere aufgrund verbindlicher Hitzeschutz-Kriterien abgesagt, verkürzt oder erheblich umorganisiert werden müssen.
    Ziel eines solchen Fonds wäre nicht, Gewinne zu garantieren. Ziel wäre, existenzielle Verluste abzufedern und verantwortungsvolle Entscheidungen möglich zu machen.
    Ein solcher Fonds wäre ein klares Signal: Pferdewohl ist nicht nur eine moralische Erwartung an die Basis. Pferdewohl ist eine gemeinsame Aufgabe des Systems.
  8. Die Entwicklung sollte über drei Jahre ausgewertet werden
    Bevor tiefgreifende Änderungen am Turnierkalender beschlossen werden, sollte die Entwicklung systematisch beobachtet werden.
    R-haltenswert schlägt eine dreijährige Erhebungsphase vor. Erfasst werden sollten insbesondere:
    ● Wie viele Turniere sind von kritischer Hitze betroffen?
    ● Welche Regionen sind besonders belastet?
    ● Welche Monate und Wochenenden sind besonders häufig betroffen?
    ● Wie oft mussten Prüfungen verschoben, unterbrochen oder abgesagt werden?
    ● Welche Disziplinen und Prüfungstypen sind besonders sensibel?
    ● Welche Maßnahmen haben funktioniert?
    ● Welche wirtschaftlichen Schäden sind bei Veranstaltern entstanden?
    ● Welche Belastungen wurden von Reiterinnen und Reitern, Offiziellen und Helfern gemeldet?
    Diese Daten sollten ausgewertet und transparent kommuniziert werden. Nur so kann der Turniersport auf Grundlage von Fakten entscheiden, welche Anpassungen erforderlich sind.
  9. Der Turnierkalender muss langfristig überprüft werden
    Sollte sich über mehrere Jahre zeigen, dass Turniere im Juli und August regelmäßig unter kritischen Bedingungen stattfinden, muss auch der Turnierkalender überprüft werden.
    Dabei geht es nicht um vorschnelle Verbote. Es geht um eine ehrliche Frage:
    Ist es langfristig verantwortbar, in den heißesten Wochen des Jahres regulären Turniersport in der bisherigen Form durchzuführen?Mögliche Antworten können unterschiedlich aussehen: weniger Starts pro Tag, andere Uhrzeiten, reduzierte Prüfungsangebote, regionale Anpassungen, stärkere Entzerrung des Kalenders oder in besonders belasteten Zeiträumen der Verzicht auf bestimmte Turnierformate.
    Ein moderner Turniersport muss nicht an jedem traditionellen Termin festhalten, wenn sich die äußeren Bedingungen grundlegend verändern.
  10. Differenzierung statt Empörung
    R-haltenswert spricht sich ausdrücklich gegen eine pauschale Verurteilung einzelner Starts aus. Nicht jeder Start bei Wärme ist unverantwortlich. Nicht jedes Foto, nicht jede Momentaufnahme und nicht jede Außentemperatur erzählt die gesamte Geschichte.
    Gleichzeitig darf Hitze nicht verharmlost werden. Die öffentliche Diskussion darf nicht bei Empörung stehen bleiben. Sie muss in fachliche Kriterien, klare Zuständigkeiten und praktische Lösungen übersetzt werden. 
    Unser Standpunkt:
    Turnierstarts bei Hitze brauchen verbindliche Kriterien, fachliche Kontrolle, wirtschaftliche Absicherung, klare Entscheidungswege und konkrete Mindeststandards für Schatten, Wasser, Kühlung, Startzeiten, Transport, Stallunterbringung, Kommunikation und den Schutz aller
    Beteiligten.
    Der Schutz des Pferdes darf nicht von spontanen Einzelentscheidungen abhängen. Und die Verantwortung dafür darf nicht allein bei Reiterinnen, Reitern oder Veranstaltern abgeladen werden. Wenn Hitze zur strukturellen Herausforderung wird, muss der Turniersport strukturell antworten. Verantwortung vor Routine bedeutet: hinschauen, bevor etwas passiert. Regeln schaffen, bevor Konflikte entstehen. Und Pferdewohl so organisieren, dass es in der Praxis tragfähig
    wird.
 


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