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Reitmeister Udo Lange unerwartet gestorben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dieter Ludwig   
Mittwoch, 27. Mai 2026 um 14:59

Udo Lange beim Pfingstturnier in Wiesbaden 1989

(Foto: Werner Ernst)

Medingen/ Bad Bevensen. Im Alter von 83 Jahren ist Reitmeister Udo Lange in seiner Wahlheimat Medingen einem Krebsleiden erlegen. Er war einer der begehrtesten Dressurtrainer der Welt.

Im Alter von 83 Jahren starb in seiner kleinen Wohnung in Medingen der weltbekannte Pferdeausbilder und Dressurtrainer Udo Lange, leise, fast unbemerkt, wie er lebte. Vor zwei Jahren hatte er sich einer schweren Operation an der Bauchspeicheldrüse in Lüneburg unterziehen müssen, nach einer wochenlangen Reha konnte er in seine vertraute Umgebung zurück. Er redete nicht groß darüber, ob er litt, wie er sein Leben nach der OP gestalten wollte, über eventuelle Ängste, er verdrängte alles, witzelte am Telefon, wirkte lebensbejahend wie immer. Er wollte vor allem kein Mitleid oder Mitgefühl. Er gab sich stark, unverwüstlich. Die Wirklichkeit war anders.

Udo Lnage wurde mitten im Zweiten Weltkrieg 1943 geboren, den Vater hatte er nie kennengelernt, der war vor Stalingrad gefallen. Er lebte mit seiner Mutter nicht im Westen, sondern in Dresden. Die Zukunft schien für beide alles andere als rosig. Die Mutter ahnte die kommende Unfreiheit in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), aus der dann 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) wurde. Die grässliche Mauer, die Berlin bis 1989 teilte, war noch nicht hochgezogen, der Todesstreifen noch nicht angelegt. Die Mutter entschloss sich, „in den Westen rüber zu machen“, wie der Sprachgebrauch lautete.

 

Udo Lange hat jene fürchterlichen Stunden nie vergessen. „Wir saßen zwar im Zug gen Westen, doch vor lauter Angst vor Volkspolizisten haben wir uns fast ständig in der Toilette eingeschlossen. Wenn wir entdeckt worden wären, hätte man uns garantiert wieder zurückgeschickt nach Dresden, meine Mutter wäre mit Sicherheit eingesperrt worden, und mich hätte man in ein Heim gesteckt.“ Sie zählten die Haltestationen, bis sie endlich in Berlin-West ankamen. Dort hingen Mutter und Sohn zunächst ein Jahr lang in einem sogenannten Auffanglager fest. Dann schickte man die beiden nach Düren ins Rheinland.

 

In Düren unweit von Köln lernte der 15-Jährige Udo Lange den Ostpreußen Otto Nagel kennen. Der betrieb einen Ausbildungsstall mit Zucht. Der Reitsport faszinierte Udo Lange. Er werkelte im Stall, hätte auch gerne die Ausbildung zum Reitlehrer oder eine Berufsausbildung „Zucht und Haltung“ begonnen, „aber den Beruf gab es ja damals noch gar nicht", wie er mal sagte.

 

Nagel, der die Leidenschaft und das Talent von Lange für den Sport erkannte und auch förderte, empfahl den Jungen dem großen Galopper-Trainer Sven von Mitzlaff in Köln-Weidenpesch, „doch für einen Jockey war ich schon zu groß und auch zu schwer".

 

Lange ging zurück nach Düren zu Otto Nagel und wechselte dann in den Reitstall Kordes in Hilden. Von einem Apotheker, der Springen ritt, wurde er weiter empfohlen an die Westfälische Reit- und Fahrschule in Münster, wo der große Pferdemann Paul Stecken wirkte, dort legte er die Prüfung zum Bereiter ab. Stecken brachte danach den auch in anderen Sportarten talentierten und eifrigen Bereiter zur Weiterbildung in einem Internat im Sauerland unter, „wo ich auch Fechten lernte". Nach eineinhalb Jahren rief ihn Paul Stecken plötzlich an und sagte: „Du Udo, ich hätte da etwas für Dich.“ Lange überlegte nicht lange und nahm die Offerte eines pensionierten Oberst in Ludwigsburg bei Stuttgart an. Dort konnte er sich endlich in allen Disziplinen des Reitsports ausprobieren, "ich war sogar 1966 Meister in der Vielseitigkeit von Baden-Württemberg.“ Er ritt auch Springen, „mein letztes S in Donaueschingen 1967“.

 

Beim Oberst a.D. H.W. Aust begegnete er dem etwa acht Jahre alten Vollblüter namens „Waffenschmied“, der hatte seine Laufbahn auf der Rennbahn bereits beendet und „sollte vor allem Jagden gehen“. Mit und auf Waffenschmied begann für Udo Lange die Karriere als Dressurreiter, „ich probierte mit dem Wallach Wechsel und Pirouetten“. 1968 trat Lange erstmals in einer S-Dressur an „und ich wurde stolzer Achter, ich stand dabei sogar neben dem großen George Theodorescu“.

 

Der Unternehmer Gustav Epple holte bald darauf Udo Lange als Ausbilder in seinen Turnierstall nach Stuttgart-Degerloch, 1970 gewann er seine erste S-Dressur, 1971 ritt er seinen ersten Grand Prix, 1973 und 1974 verdingte er sich an den Stall der Eltern der späteren Olympiasiegerin und Weltcupgewinnerin Ulla Salzgeber in Essen, 1975 wagte er den Ritt in die Selbständigkeit, 1996 wurde ihm der ehrende Titel „Reitmeister“ vom Deutschen Olympiadekomitee für Reiterei (DOKR) verliehen.

 

Ab 1990 lebte er viele Jahre mit der international bekannten kanadischen Dressurreiterin Christilot Hanson-Boylen zusammen, zwischen 1990 und 2014 hatten sie einen eigenen Reitstall in Röttingen bei Würzburg, mit drei Hallen, 28 Boxen, Außenviereck, Koppeln und Ausreitemöglichkeiten. Die siebenmalige Olympiastarterin – mit 17 jüngste Teilnehmerin der Spiele 1964 in Tokio - sagte mal über ihren früheren Lebenspartner: „Udos Stärke ist sein Gefühl für Pferde. Er geht auf ihre Stimmungen ein, er erzwingt nichts.“

 

Am Abend seines 80. Geburtstages erzählte Udo Lange seine Lebensgeschichte ein bisschen weiter oder auch unbewusst zu Ende. Trennung von Lebenspartnerin Christilot,  "die zurück nach Kanada wollte, ich aber lieber in Deutschland blieb". Auf Gut Ising am Chiemsee fühlte er sich wohl, doch das Engagement als Reitlehrer war finanziell verschlankt worden. Er kündigte und wurde danach angestellt vom früher sehr bekannten Vielseitigkeitsreiter Burkhard Wahler, Seniorchef des Trakehnergestüts Klosterhof Medingen in der Lüneburger Heide, wo er bis zu seinem Tod arbeitete.

 

 

 


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